“Freiheit”, von Jonathan Franzen

Zunächst einmal sei gesagt, dass sich mein Romanhunger in Grenzen hält. Ich zehre meist sehr lange von einem Buch und manchmal geht es mir so wie mit Freiheit von Jonathan Franzen, einem Buch, das mich nun seit knapp zwei Jahren begleitet hat, unterbrochen von vielen kurzen und langen Lesepausen. Dabei war ich weder gelangweilt, nocht genervt von seiner Geschichte. Vielmehr habe ich von Zeit zu Zeit davon genascht und es mir eingeteilt, so wie man sich eine selten gute Tafel Schokolade einteilt, die man lange genießen und eben nicht schnell konsumieren will. Das Lesen dieses Buches war wie Quality Time mit einem guten Freund zu verbringen. Es war immer wieder toll, wenn man sich gesehen hat und oft habe ich an das nächste Mal gedacht, auch wenn es mitunter wochen gedauert hat. In diesem Buch steckte nicht nur ein hohes Maß an guter, intelligenter Unterhaltung, sondern auch viel Wahrheit über das Zusammenleben von Menschen, über die Ambivalenz von Beziehungen, über das Streben nach dem guten Leben und die zerstörerische Kraft von Emotionen. Es ist kein Gute-Laune-Kracher, sondern die Geschichte von Menschen, die vom Scheitern gezeichnet sind. Jonathan Franzens “Freiheit” ist nicht weniger als ein gewaltiger, meisterhaft geschriebener Roman, der es auf atemberaubende Art und Weise schafft, die großartigen Weiten individueller Lebensentwürfe liberaler Gesellschaften mit den Schatten der Abgründe selbst geschaffener Zwänge zu konterkarieren. Ein sehr amerikanisches Buch, das auch Nicht-Amerikanern viele Denkanstöße und Einsichten verschaffen kann – abgesehen von der, dass der gute Mr. Franzen ein wunderbarer Autor ist. Immer wieder grinste ich verblüfft zwischen die Buchdeckel, weil Franzen es mal wieder geschafft hatte, die Besonderheiten und Absonderlichkeiten des menschlichen Sozialverhaltens mit wenigen Worten so treffsicher zu pointieren. Dieser Mann hat eine rekordverdächtige Beobachtungsgabe, die nur von seinem Talent, diese Beobachtungen mit Worten zu beschreiben, getoppt wird. Ich kann nur jedem empfehlen, sich diesen 730 Seiten hinzugeben und gratuliere schon jetzt allen, die sich dazu entschließen.

Kategorie: künstlerisch | Keine Kommentare

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