Der Trubel um Stauffenberg – Die verzweifelte Verehrung eines Nazis
Am 15. November jährt sich der Geburtstag von Claus Schenk Graf von Stauffenberg zum ein hundertsten Mal. Für viele ist das Grund genug, um den Grafen für sein berühmtes Attentat vom 20. Juli 1944 einmal mehr hoch leben zu lassen – als “Heiliger unter Hakenkreuz”, wie der SpOn-Artikel von Peter Steinbach gestern in reißerischer Manier schrieb. Bei dieser Überschrift muss es bereits jedem auch nur annähernd NS-kritischen Leser schlecht werden. Zwar scheinen dieser Titel wie auch der schwer verdauliche Untertitel (”Heute gilt er als Held, als aufrechter Demokrat, als Lichtgestalt während der Nazi-Zeit”) eher als provokante Leseaufforderung zu dienen; doch auch was Steinbach anschließend so schreibt ist einigermaßen fragwürdig. Nachdem geschildert wird, wie unterschiedlich man Stauffenberg im Osten und Westen der Nachkriegszeit etikettiert, kommt so mancher Knaller, der den Würgereiz der Titellektüre erneut aufkommen lässt:
Dass die Bundeswehr Stauffenberg seit den Mitfünfziger Jahren [in ihr] Traditionsverständnis aufgenommen hatte, war verständlich – künftig sollten deutsche Streitkräfte nicht mehr durch die Pflicht zum unbedingten Gehorsam charakterisiert werden können.
So so, Stauffenberg als Vorbild für den kritischen Bundeswehrsoldaten. Wenn man den Grafen auf das Attentat beschränkt mag das noch nachvollziehbar sein. Die bis dahin gelebte uneingeschränkte Führertreue und begeisterte Teilnahme am Vernichtungsfeldzug scheint mir allerdings gar nicht so kritisch. Er nahm am Polen- und Frankreichfeldzug selbst teil und empfand vor allem den Sieg gegen die Franzosen mit großer Genugtuung. Aus Polen schrieb der Graf 1939 übrigens an seine Frau Nina: “Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun.” (Das Parlament)
Später bittet Steinbach um Verständnis für die Schwierigkeiten, die Stauffenberg aufgrund seines Sinneswandels aushalten musste:
Verstellt wurde in den Deutungen und Umdeutungen der Blick auf den Menschen Stauffenberg: auf die Leistung, die es bedeutete, innerlich eine Position zu überwinden, die er mit den Nationalsozialisten zunächst partiell teilte und die ihn zunächst keineswegs zu einem geborenen Gegner des Hitler-Regimes gemacht hatte. Keinen Blick hatte man für die Stufen seiner Distanzierung von Zeitströmungen. Immer wieder war zu lesen, Stauffenberg habe sogar vor einer Hakenkreuzfahne salutiert, er sei ohne Zögern in den Krieg gezogen. Das Gespür für die Dramatik, die gerade in der Überwindung individueller Verstrickungen in Zeitströme verborgen liegt, war nur schwach ausgeprägt.
Mit “Verstrickung in Zeitströme” ist dann wohl “nationalsozialistische Überzeugung” gemeint. Es mag zwar für den Einzelnen in den 1940er Jahren eine gewisse “Dramatik” gehabt haben, die Ziele des NS-Regimes zu hinterfragen, an die man vorher so sehr geglaubt hatte. Das mag beachtlich sein. Bewundernswert ist es noch lange nicht. Wie kann man aus demokratischer Perspektive jemanden bewundern, der nach langer, aktiver Mittäterschaft plötzlich seine Einstellung zu Rassismus und Massenmord hinterfragt und sich von ihr abkehrt?
Stauffenberg hat es zwar fast geschafft, Hitler zu ermorden. Doch ich kann wenig heldenhaftes erkennen in einem Mann, der über viele Jahre hinweg ein totalitäres, kriegerisches, industriell massenmordendes System und seinen Kopf aktiv unterstützt und irgendwann, genauer gesagt viel zu spät, erst bzw. nur erkennt, dass es einige faule Früchte trägt. Man kann ein Attentat auf Hitler sicherlich laut beklatschen und bedauern, dass es fehlschlug. Stauffenberg, der Mensch hinter dem Attentat, hat großartige posthume Ehren jedoch nicht verdient. Der Jubel um Stauffenberg zeigt die Verzweiflung einer Gesellschaft, die nach etwas Greifbarem in der kaum vorhandenen deutschen Widerstandsbewegung sucht. Letzten Endes ist der wichtigste und zutreffendste Satz in Steinbachs Artikel sicherlich der folgende:
Stauffenberg war kein Bedenkenträger, er war bis 1942 Teil des NS-Systems.







