Der Holocaust jenseits der Vernichtungslager

Am 27. Januar vor 63 Jahren erreichte die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Sie konnte rund 8.000 erschöpfte und kranke Insassen befreien, die nur knapp der Massenmordmaschine der Nationalsozialisten entkommen waren. Zuvor fanden dort rund 1,1 Millionen Menschen den Tod, die meisten durch Gas. Das KZ Auschwitz ist heute ein Symbol des Holocaust. Doch ungefähr die Hälfte der Holocaustopfer wurde nicht in den Gaskammern ermordet, sondern während des Vernichtungsfeldzugs im Osten. So schreibt Hans-Heinrich Nolte in der aktuellen Ausgabe der ZEIT:

[...] an die drei Millionen, wurden auf andere Weise umgebracht, die meisten von ihnen in den besetzten Territorien der Sowjetunion. Östlich des Bugs gab es keine Gaskammern, keine moderne Tötungsmaschinerie. Von hier aus rollten auch keine Deportationszüge in die Vernichtungslager. Hier mordete man gleich an Ort und Stelle, zumeist öffentlich. Hier wurde erschlagen, erschossen, verbrannt, verhungert. (link)

Mithilfe spezieller Einsatzgruppen der SS, Polizei und der Wehrmacht wurden vor allem Kommunisten und Juden während des militärischen Vorstoß Richtung Osten systematisch ermordet. Dazu gehörte unter anderem das Reservebatallion 101 – ein Mordkommando, das aus “ganz normalen Männern” (Christopher Browning, 1992) bestand:

Im Reservebataillon 101 etwa kamen sie zu über 60 Prozent aus mittelständischen Berufen, 35 Prozent waren gelernte und ungelernte Arbeiter, der Rest Selbstständige und Akademiker. Ein Chauffeur, Alfred Metzner, sagte über seine Teilnahme an einem Massaker bei Slonim später aus: »Die Exekutionen wurden mit Schnellfeuergewehren, Karabinern, Maschinenpistolen, ganz nach Belieben durchgeführt. Es war erstaunlich, wie die Juden in die Gruben hineingingen, nur mit gegenseitigen Tröstungen, um sich dadurch gegenseitig zu ermuntern und dem Exekutionskommando die Arbeit zu erleichtern. Die Exekution selbst dauerte ca. 3 – 4 Stunden. Ich war die ganze Zeit an der Exekution beteiligt. Die einzigen Pausen, die ich machte, war, wie mein Karabiner leergeschossen war und ich neu laden mußte. Während dieser Zeit schoß ein anderer für mich. Es ist mir dadurch nicht möglich zu sagen, wie viele Juden ich während der 3 – 4 Stunden umgebracht habe. Wir haben während dieser Zeit ziemlich viel Schnaps getrunken, um unseren Arbeitseifer anzuregen…« (link)

Nicht allein die Todesfabriken kennzeichnen den Holocaust. Und vor allem war es nicht eine übersichtliche Zahl skrupelloser “Monster”, die sich um den systematischen Massenmord an Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma, Kommunisten usw. bemühte. Es waren unzählige “ganz normale Männer”, die Menschen aus nächster Nähe erschossen, verbrannten, erschlugen. Auch, aber vor allem dies, die Banalität des Bösen (Hannah Arendt), sollte nie in Vergessenheit geraten.

Kategorie: politisch | Keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

blogg.de-Archiv

Ältere Beiträge (Okt. 2003 - Nov. 2007) sind weiterhin zu finden unter hoss.blogg.de