Gleichgültigkeit statt Gutmenschentum?

Warum im Kampf gegen Armut auch Unicef und Bono gebraucht werden

Es folgt eine Replik auf “Wo bleibt Bono?” (Henrik M. Broder)

Bei Unicef ist einiges schief gelaufen und auch viele andere Entwicklungshilfsorganisationen haben Dreck am Stecken, keine Frage. Spender müssen besser nachvollziehen können, was mit ihrem Geld passiert. Klar ist aber, dass Entwicklungshilfe mit großem Aufwand verbunden ist. Würden alle Entwicklungshelfer ohne Lohn und Aufwandsentschädigung arbeiten, würde das wohl das Ende der Entwicklungshilfe bedeuten. Auch die Mitarbeiter von Unicef und Co. sind keine selbstlosen Altruisten. Das müssen sie auch nicht sein.

Es ist richtig, dass viele NGOs die Aufgaben von “Regierungen” übernehmen, denen die Versorgung der eigenen Bevölkerung ziemlich egal ist. Die eigenen Leute sind den Diktatoren und Warlords aber auch egal, wenn Unicef weg ist. Dann krepieren sie halt. Finanzieren lassen sich die Kriege nicht weil Unicef den Job der Regierungen macht, sondern weil die Kriegstreiber Blutdiamanten, Öl und andere Rohstoffe im Angebot haben bzw. noch mehr davon haben wollen. Die Kriege können geführt werden, nicht weil wir Unicef spenden, sondern weil wir Rohstoffe kaufen und uns dabei scheißegal ist wo das Zeug herkommt und unter welchen Umständen es gefördert wird.

Die Arbeit der NGOs ist wichtig, obwohl einige von ihnen zwielichtige Geschäfte betreiben, obwohl es Korruption gibt, obwohl ihre Mitarbeiter Geld verdienen. Unicef ist nicht Mutter Theresa, aber die Welt ist mit Unicef sicherlich besser dran als ohne Unicef. Und im übrigen bekomme ich zwar auch mittelschwere Kotzkrämpfe, wenn mit Gummibändern und Popkonzerten die Welt gerettet werden soll; trotzdem ist die zumindest saisonale Aufmerksamkeit besser als gar keine. Nur weil Grönemeyer nicht zum Fulltime-Entwicklungshelfer geworden ist kann man ihm, wie ich finde, keinen Vorwurf machen. Auch Bono gefällt sich bestimmt in seiner Heldenrolle. Tatsache ist aber, dass er als weltbekannter Popstar auf das Problem der globalen Armut aufmerksam macht und so die Menschen für das Thema sensibilisieren kann – weil sie ihm zuhören. Es braucht daher mehr Bonos, nicht weniger.

Kategorie: politisch | Keine Kommentare

Der Holocaust jenseits der Vernichtungslager

Am 27. Januar vor 63 Jahren erreichte die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Sie konnte rund 8.000 erschöpfte und kranke Insassen befreien, die nur knapp der Massenmordmaschine der Nationalsozialisten entkommen waren. Zuvor fanden dort rund 1,1 Millionen Menschen den Tod, die meisten durch Gas. Das KZ Auschwitz ist heute ein Symbol des Holocaust. Doch ungefähr die Hälfte der Holocaustopfer wurde nicht in den Gaskammern ermordet, sondern während des Vernichtungsfeldzugs im Osten. So schreibt Hans-Heinrich Nolte in der aktuellen Ausgabe der ZEIT:

[...] an die drei Millionen, wurden auf andere Weise umgebracht, die meisten von ihnen in den besetzten Territorien der Sowjetunion. Östlich des Bugs gab es keine Gaskammern, keine moderne Tötungsmaschinerie. Von hier aus rollten auch keine Deportationszüge in die Vernichtungslager. Hier mordete man gleich an Ort und Stelle, zumeist öffentlich. Hier wurde erschlagen, erschossen, verbrannt, verhungert. (link)

Mithilfe spezieller Einsatzgruppen der SS, Polizei und der Wehrmacht wurden vor allem Kommunisten und Juden während des militärischen Vorstoß Richtung Osten systematisch ermordet. Dazu gehörte unter anderem das Reservebatallion 101 – ein Mordkommando, das aus “ganz normalen Männern” (Christopher Browning, 1992) bestand:

Den ganzen Beitrag lesen »

Kategorie: politisch | Keine Kommentare

DlF-Podcast: “Drillen statt kuscheln?”

Wegsperren, einschüchtern, rausschmeißen. Die Vorschläge zum Umgang mit kriminellen Jugendlichen sind weder kreativ, noch neu, noch intelligent. Was beim Thema Jugendstrafrecht wirklich beachtet werden sollte bevor man sich dem Gebelle der Populisten aussetzt, darum hat man sich u. a. beim Deutschlandfunk Gedanken gemacht. Entstanden ist ein interessanter Podcast, der sich mit den Fällen der Jugendrichter, den Möglichkeiten der Bestrafung und Resozialisation und dem Alltag in den bereits existierenden Erziehungsanstalten auseinandersetzt: Drillen statt kuscheln – Muss das Jugendstrafrecht verschärft werden?” [mp3, 6,3 MB, 18:21 Min.]

Kategorie: politisch | Keine Kommentare

Totalitarismusfalle

Nicht nur George W. sollte mehr Hannah Arendt lesen…

“Die größte Gefahr bei der Anerkennung des Totalitarismus als Fluch des Jahrhunderts liegt in einer zwanghaften Beschäftigung damit, die so weit gehen kann, dass wir für zahlreiche kleine und weniger kleine Übel blind werden, mit denen der Weg zur Hölle gepflastert ist.”

Hannah Arendt [zit. n.: Judt, Tony: Das Problem des Bösen im Europa der Nachkriegszeit, in: SZ, 7.1.08]

Kategorie: politisch | Keine Kommentare

Am Arsch die Leitkultur

“Das Boot ist voll”, “Kinder statt Inder”, “Wir haben zu viele kriminelle Ausländer” – immer wieder spielen die Konservativen dieselbe populistische Platte, deren ungeschminkter Untertitel lautet: “Ausländer raus”. Die von Koch angestoßene Kampagne, die sich nun in so lächerlichen Forderungen entlädt wie denen nach “Erziehungscamps” und “Warnschussarrest” ist zunächst völlig substanzlos. Hier geht es – und wieder hängt die Platte – nicht um die Sache, sondern um die Stimmung. Denn Menschenfang funktioniert nun mal am besten mit dem guten Gefühl, nicht mit dem guten Argument (siehe Werbung, Nationalsozialismus oder eben Wahlkampf). Koch kann mit seinem Geschwurbel sicher auf zusätzliche Wählerstimmen hoffen. Gleichzeitig kann er sich aber auch gewiss sein, die ausländerfeindliche Stimmung anzuheizen. Wenn knapp 40 % der deutschen Bevölkerung der Aussage zustimmen, dass die BRD “durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet” ist, dann hat das nicht nur, aber auch mit den Hetzsprüchen von Koch und Co. zu tun.

Multikulti ist weder Gekuschel noch eine Lüge (wie man vonseiten der CDU immer wieder zu hören bekommt), sondern der einzig gangbare Weg bzw. die Grundvoraussetzung für ein friedliches und gerechtes Miteinander – egal ob in Deutschland oder sonstwo auf der Welt. Ländergrenzen werden immer unsichtbarer, durchlässiger, bedeutungsloser. Internationale und interkontinentale Migration ist ein alltägliches Phänomen und eine Herausforderung ebenso wie eine Chance nicht nur für Migranten, sondern auch für die Gesellschaften, die Migranten aufnehmen.

Ja, natürlich ist Deutschland ein Einwanderungsland. Über 15 Millionen in Deutschland lebende Menschen haben einen Migrationshintergrund. Statt Migration als Selbstverständlichkeit und Chance aufzugreifen brabbelt die CDU von “Leitkultur” und verbreitet Deutschtümeleien. Wer meint, dass Deutschland eine homogene Einheit von Deutschen darstellt, die von eingewanderten Ausländern zu separieren ist, der ist schlichtweg blind bzw. kommt 70 Jahre zu spät.

Kategorie: politisch | Keine Kommentare

Auf Hessens Zukunft hoffen…

cdu

Die Plakatschlacht hat begonnen! Auf der Pole-Position im Wählerwerben sind natürlich die CDU und Roland Koch zu finden. “Mutig. Modern. Menschlich.” will die hessische CDU sein. Mut hat sie zumindest schon mal bei der Zeichensetzung bewiesen. Hinsichtlich der Bildungspolitik macht man sich damit natürlich keine Fans. Überhaupt läuft es beim Thema Bildung ungünstig für die Konservativen. Denn auf der einen Seite ist Bildung das Topthema jedes Landtagswahlkampfs und auf der anderen Seite hat die CDU eine dermaßen desolate Bilanz vorzuweisen, dass sich damit kein Wähler vom Baum locken lässt. Vielleicht schmückt man deshalb seine Plakate mit lächerlich inhaltsleeren Slogans wie “Auf Hessens Zukunft setzen”. Da muss selbst der Herr Koch grinsen. “Hoffen” wäre wohl passender gewesen als “setzen”. Der Knirps (dem der Ministerpräsident gerade noch schnell die spd-rote Mütze wegnehmen will) kann sich fürs neue Jahr jedenfalls nur wünschen, dass der Typ nehmen ihm im Januar seinen Job verliert und er in seiner hessischen Zukunft weder U-Plus-Opfer wird, noch Kredite für sein evt. Studium aufnehmen muss.

Kategorie: politisch | Keine Kommentare

Gerichtsurteil schränkt Meinungsaustausch im Internet ein

Wer in seinem Blog brisante, provozierende Beiträge veröffentlicht, muss Kommentare vor ihrer Veröffentlichung erst rechtlich prüfen! Das meint zumindest das Landgericht Hamburg. Hintergrund ist ein Rechtsstreit zwischen dem Journalisten und Blogger Stefan Niggemeier und der Callactive GmbH, die aufgrund eines anonymen Kommentars zu diesem Beitrag eine einstweilige Verfügung erwirkt hat. Niggemeier hat den unzulässigen Kommentar zwar von sich aus sofort gelöscht, nachdem er ihn entdeckt hatte (gut 7 Stunden nachdem er abgegeben wurde). Doch das ging dem Gericht nicht weit genug: Kommentare müssten vorab geprüft werden, weil man bei solch provozierenden Beiträgen mit rechtswidrigen Kommentaren rechnen müsse!

Niggemeier will zu Recht in die Berufung gehen. Ich wünsche ihm dabei viel Erfolg! Denn setzt sich die Meinung der Hamburger Richter durch, wäre, wie Niggemeier selbst anmerkt, nicht weniger als die freie Diskussion im Internet in Gefahr. Es ist weder möglich, die Identität des Kommentators verlässlich zu prüfen, noch können Blogger oder Forumsbetreiber alle Beiträge von Außen stets auf ihre Rechtmäßigkeit kontrollieren. Daher würde letztendlich der Selbstzensur Vorschub geleistet – oder man ist gezwungen, die Möglichkeit zur Meinungsäußerung zu beschränken.

Dabei ist gerade das WWW ein Medium, das wie kein anderes Gedanken- und Meinungsaustausch ermöglicht und fördert. Dieser Austausch ist besonders bei brisanten Themen wichtig und fruchtbar. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass die kontroverse Diskussion eine tragende Säule der demokratischen Kultur, die mit solchen fragwürdigen Gerichtsurteilen ins Wanken gerät.

[via Metablocker]

Kategorie: politisch | 1 Kommentar

Uni Marburg muss Studiengebühren zurückzahlen [Korrektur!]

Während man sich inzwischen sein BWL-Studium bei tchibo kaufen kann, verbuchen hessische Studiengebührengegner einen weiteren wichtigen Erfolg gegen die Kommerzialisierung von Bildung: Das Verwaltungsgericht Gießen hat die Uni Marburg verpflichtet, die bisher einkassierten Studiengebühren einer klagenden Studentin die von ihr bereits gezahlten Gebühren zurückzuerstatten. Wie schon zuvor lautet die Begründung, dass das hessische Studienbeitragsgesetz nicht verfassungsgemäß ist. Warum die Rückzahlung nur für die Uni Marburg gilt, bleibt mir bisher jedoch schleierhaft.

[via hr-online]

[Anm.: Pardon für die Fehlinformation! Habe die Pressemeldung falsch interpretiert. Es bekommt also nur die Klägerin die bereits gezahlten Gebühren zurückerstattet!]

Kategorie: politisch | 6 Kommentare

Der Trubel um Stauffenberg – Die verzweifelte Verehrung eines Nazis

Am 15. November jährt sich der Geburtstag von Claus Schenk Graf von Stauffenberg zum ein hundertsten Mal. Für viele ist das Grund genug, um den Grafen für sein berühmtes Attentat vom 20. Juli 1944 einmal mehr hoch leben zu lassen – als “Heiliger unter Hakenkreuz”, wie der SpOn-Artikel von Peter Steinbach gestern in reißerischer Manier schrieb. Bei dieser Überschrift muss es bereits jedem auch nur annähernd NS-kritischen Leser schlecht werden. Zwar scheinen dieser Titel wie auch der schwer verdauliche Untertitel (”Heute gilt er als Held, als aufrechter Demokrat, als Lichtgestalt während der Nazi-Zeit”) eher als provokante Leseaufforderung zu dienen; doch auch was Steinbach anschließend so schreibt ist einigermaßen fragwürdig. Nachdem geschildert wird, wie unterschiedlich man Stauffenberg im Osten und Westen der Nachkriegszeit etikettiert, kommt so mancher Knaller, der den Würgereiz der Titellektüre erneut aufkommen lässt:

Dass die Bundeswehr Stauffenberg seit den Mitfünfziger Jahren [in ihr] Traditionsverständnis aufgenommen hatte, war verständlich – künftig sollten deutsche Streitkräfte nicht mehr durch die Pflicht zum unbedingten Gehorsam charakterisiert werden können.

So so, Stauffenberg als Vorbild für den kritischen Bundeswehrsoldaten. Wenn man den Grafen auf das Attentat beschränkt mag das noch nachvollziehbar sein. Die bis dahin gelebte uneingeschränkte Führertreue und begeisterte Teilnahme am Vernichtungsfeldzug scheint mir allerdings gar nicht so kritisch. Er nahm am Polen- und Frankreichfeldzug selbst teil und empfand vor allem den Sieg gegen die Franzosen mit großer Genugtuung. Aus Polen schrieb der Graf 1939 übrigens an seine Frau Nina: “Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun.” (Das Parlament)

Den ganzen Beitrag lesen »

Kategorie: politisch | Keine Kommentare

blogg.de-Archiv

Ältere Beiträge (Okt. 2003 - Nov. 2007) sind weiterhin zu finden unter hoss.blogg.de