Verfehlte Vergangenheitsbewältigung: Viele NS-Opfer müssen sich Entschädigungen erklagen

“Deutschlands Vermögen in Italien in Gefahr” titelte die Süddeutsche gestern auf Seite 1: Laut mehrerer Urteile der obersten italienischen Zivilgerichtshöfe soll deutsches Vermögen gepfändet werden, um griechischen Nazi-Opfern Schadensersatz leisten zu können. Außerdem muss die Bundesregierung mit Klagen von rund 100.000 ehemaligen italienischen Zwangsarbeitern rechnen. In Italien überlegt man nun bereits, ob man zuerst das Kulturinstitut Villa Vigoni oder ein paar Goetheinstitute versteigert. Damit wird nicht nur das deutsch-italienische Verhältnis belastet, sondern auch die völkerrechtlich garantierte Staatenimmunität - nach der Staaten, wenn sie hoheitlich handeln, nicht von Bürgern anderer Staaten belangt werden können - ziemlich strapaziert.

Ein Skandal? Ja! Es ist ein Skandal, dass eines der reichsten Länder der Welt sich heute nicht in aller Konsequenz verantwortlich zeigt für seine ungeheuren Verbrechen von gestern. Natürlich kann kein Geld der Welt die Nazi-Verbrechen wiedergutmachen; doch es ist eine moralische Pflicht, die Überlebenden des NS-Terrors als Opfer anzuerkennen, wozu auch gehört, sie finanziell zu entschädigen. Man muss zweifellos anerkennen, dass es einige Bemühungen in dieser Richtung gab. Dazu gehörte auch der Zwangsarbeiterfond. Doch die entsprechende Stiftung ist viel zu spät, nämlich erst im Jahr 2000 gegründet worden - 55 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus.

Es ist mir unbegreiflich, dass auch heute immer noch tausende Opfer keinen Cent erhalten haben. Die Bundesrepublik geht nicht auf sie zu, nein, sie müssen sich ihre - meist eher symbolische - Entschädigungssumme umständlich in Italien erklagen. In Berlin will man die Urteile nicht hinnehmen und droht mit Klagen vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Rechtlich gesehen stehen die Gewinnchancen gut, aber moralisch hat man schon verloren.

Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit ist in Anbetracht der völlig verspäteten Initiativen und gänzlichen Vernachlässigung vieler Geschädigter ein Armutszeugnis. Die Schrecken der NS-Zeit manifestieren sich vor allem durch die unzähligen Opfer. Viele von ihnen warten jedoch vergeblich darauf, berücksichtigt und ein Teil der deutschen Vergangenheitsbewältigung zu werden. Davon sind inzwischen einige aus Altersschwäche und/oder an den Folgen der damaligen Misshandlungen gestorben, während sich andere Überlebende noch mit Klagen gegen die Bundesrepublik abrackern müssen. Damit zeigt sich ein weiteres Mal, dass Deutschland im Umgang mit den Opfern des Nazi-Terrors versagt hat. Solange es keine systematischen Entschädigungsmaßnahmen für alle Opfer gibt bleibt die Vergangenheitsbewältigung nur wenig mehr als eine gut klingende Worthülse.

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Der Holocaust jenseits der Vernichtungslager

Am 27. Januar vor 63 Jahren erreichte die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Sie konnte rund 8.000 erschöpfte und kranke Insassen befreien, die nur knapp der Massenmordmaschine der Nationalsozialisten entkommen waren. Zuvor fanden dort rund 1,1 Millionen Menschen den Tod, die meisten durch Gas. Das KZ Auschwitz ist heute ein Symbol des Holocaust. Doch ungefähr die Hälfte der Holocaustopfer wurde nicht in den Gaskammern ermordet, sondern während des Vernichtungsfeldzugs im Osten. So schreibt Hans-Heinrich Nolte in der aktuellen Ausgabe der ZEIT:

[…] an die drei Millionen, wurden auf andere Weise umgebracht, die meisten von ihnen in den besetzten Territorien der Sowjetunion. Östlich des Bugs gab es keine Gaskammern, keine moderne Tötungsmaschinerie. Von hier aus rollten auch keine Deportationszüge in die Vernichtungslager. Hier mordete man gleich an Ort und Stelle, zumeist öffentlich. Hier wurde erschlagen, erschossen, verbrannt, verhungert. (link)

Mithilfe spezieller Einsatzgruppen der SS, Polizei und der Wehrmacht wurden vor allem Kommunisten und Juden während des militärischen Vorstoß Richtung Osten systematisch ermordet. Dazu gehörte unter anderem das Reservebatallion 101 - ein Mordkommando, das aus “ganz normalen Männern” (Christopher Browning, 1992) bestand:

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Der Trubel um Stauffenberg - Die verzweifelte Verehrung eines Nazis

Am 15. November jährt sich der Geburtstag von Claus Schenk Graf von Stauffenberg zum ein hundertsten Mal. Für viele ist das Grund genug, um den Grafen für sein berühmtes Attentat vom 20. Juli 1944 einmal mehr hoch leben zu lassen - als “Heiliger unter Hakenkreuz”, wie der SpOn-Artikel von Peter Steinbach gestern in reißerischer Manier schrieb. Bei dieser Überschrift muss es bereits jedem auch nur annähernd NS-kritischen Leser schlecht werden. Zwar scheinen dieser Titel wie auch der schwer verdauliche Untertitel (”Heute gilt er als Held, als aufrechter Demokrat, als Lichtgestalt während der Nazi-Zeit”) eher als provokante Leseaufforderung zu dienen; doch auch was Steinbach anschließend so schreibt ist einigermaßen fragwürdig. Nachdem geschildert wird, wie unterschiedlich man Stauffenberg im Osten und Westen der Nachkriegszeit etikettiert, kommt so mancher Knaller, der den Würgereiz der Titellektüre erneut aufkommen lässt:

Dass die Bundeswehr Stauffenberg seit den Mitfünfziger Jahren [in ihr] Traditionsverständnis aufgenommen hatte, war verständlich - künftig sollten deutsche Streitkräfte nicht mehr durch die Pflicht zum unbedingten Gehorsam charakterisiert werden können.

So so, Stauffenberg als Vorbild für den kritischen Bundeswehrsoldaten. Wenn man den Grafen auf das Attentat beschränkt mag das noch nachvollziehbar sein. Die bis dahin gelebte uneingeschränkte Führertreue und begeisterte Teilnahme am Vernichtungsfeldzug scheint mir allerdings gar nicht so kritisch. Er nahm am Polen- und Frankreichfeldzug selbst teil und empfand vor allem den Sieg gegen die Franzosen mit großer Genugtuung. Aus Polen schrieb der Graf 1939 übrigens an seine Frau Nina: “Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun.” (Das Parlament)

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