Bespitzelung von Mitarbeitern, Behinderung von Betriebsratswahlen, Arbeitsüberlastung bei enger Zeitvorgabe, Stress und unbezahlte Überstunden. Bei vielen Einzelhandelsunternehmen herrschen mitunter frühkapitalistische Zustände. Angestellte werden als billige Produktionsfaktoren benutzt, die sich entweder fügen oder gefeuert werden. Das klingt altbacken, ist aber ganz offensichtlich Realität in vielen Betrieben (siehe unten, DLF-Podcast). Die Chefetagen der Discounter machen nicht nur Druck auf die eigene Belegschaft, sondern auch auf Zuliefererfirmen, die teilweise komplett abhängig sind von einem Großkunden. Wie es beispielsweise beim Brötchenbacken für Lidl zugeht hat Mr. Investigativjournalismus aka. Günther Wallraff herausgefunden (Zeit.de). Er ließ sich als Frank K. bei der Backfabrik Weinzheimer einstellen und arbeitete für weniger als 6 Euro die Stunde im Akkord. Zu kämpfen hatte er mit Brandblasen und Schimmel, vor allem aber gegen die Zumutungen seiner Vorgesetzten.
Da stellt sich doch die Frage, warum Menschen sich so einen Terror gefallen lassen. Sicherlich hat das nichts damit zu tun, dass Akkordarbeit so viel Spaß macht. Wer in solchen Läden arbeitet hat oft nicht mehr als einen Hauptschulabschluss vorzuweisen und kann sich natürlich nicht aussuchen wo er arbeitet und ist froh, wenn er irgendeinen Job hat. Warum aber gibt es keine anonyme Anlaufstelle für Arbeitnehmer, deren Rechte systematisch verletzt werden? Warum gibt es keine unangekündigten Kontrollen in Betrieben? Wer eine Imbissbude betreibt muss in regelmäßigen Abständen (deren Häufigkeit durch betriebsbezogene Risikobeurteilungen festgelegt wird) mit Lebensmittelkontrollen rechnen. Wären solche Besuche nicht auch angebracht in Unternehmen, die im Verdacht stehen Angestellt auszubeuten? Schließlich ruft nicht jeder gleich seinen Anwalt an, um sich gegen rechtswidrige Arbeitsbedingungen zu wehren. Denn natürlich gilt: Wer Probleme macht darf gehen. Entlassungsgründe finden sich immer und per Mobbing kann man sich schnell ungeliebter Mitarbeiter entledigen (siehe DLF-Beitrag).
Vielleicht sollte man aber statt nur nach dem Staat zu rufen auch an die Macht der Verbraucher appellieren. Letzten Endes bestimmt nämlich der Konsument, ob ein Produkt marktfähig ist oder nicht, indem er kauft oder es eben bleiben lässt. Das Argument, Boykott führe zum Verlust zu Arbeitsplätzen, stimmt dabei nur auf den ersten Blick; denn die Nachfrage für bestimmte Produkte wird nicht geschmälert wenn man Produktvariante A ablehnt und stattdessen Variante B kauft. Während Arbeitsplätze bei A verloren gehen, entstehen neue bei B. Allerdings ist der ethische Einkauf nicht ganz problemfrei. Wer kann schon beurteilen, ob Unternehmen A tatsächlich arbeitsrechtlich fragwürdiger wirtschaftet als Unternehmen B, nur weil A gerade am medialen Pranger steht? Der Kunde ist überfordert und hat weder Zeit noch Lust, eine Mitarbeiterumfrage zu starten, bevor er einen Joghurt kauft.
Manche Firmen haben bereits erkannt, dass ethisches wirtschaften nicht nur ethisch sondern auch wirtschaftlich von Vorteil sein kann; denn nicht nur Preis und Qualität spielen eine Rolle bei der Entscheidung für oder gegen ein Produkt, sondern auch die Produktionsweise. Tegut wirbt beispielsweise mit der Auszeichnung, zu den 50 besten Arbeitgebern Deutschlands zu gehören. Die EU vergibt ein Bio-Siegel für Lebensmittel an dem man sich als Konsument gut und schnell orientieren kann. Warum nicht auch ein Sozial-Siegel, das ähnlich wie Fairtrade oder der Global Compact eine arbeitnehmerfreundliche Produktion bescheinigt?
Wie auch immer das Problem angegangen wird, der Handlungsbedarf ist ganz zweifellos da. Arbeitsrechtsfreie Räume müssen dicht gemacht werden - am besten natürlich mit vereinten Kräften.
DLF-Podcast: “Die machen einem die Hölle heiß!“